Sie sind hier: Regulateur-Seminar  

UMBAU EINES STANDARDWERKES

Die Herren der R...

Nein, es geht hier nicht um die Fortsetzung einer bekannten Filmtrilogie, sondern um ein neues Drehbuch, das bei den Herren der Räder und Tourbillons in Mannheim entstanden ist: Das Fortsetzungsseminar zum bewährten Molnja-Kaliber, das sich längst als Basis für die Tourbillons der Uhrmachermeister bei Lottermann & Söhne bewährt hat.

Schwerpunkte des neuen Kurses, der sich ausschließlich an die Teilnehmer des Grundseminars richtet und der voraussichtlich im Sommer 2005 erstmalig angeboten werden wird, sind vor allem zwei getrennte Aufgabenstellungen:

- Werkumbau zum Regulator durch Versetzen des Stundenzeigers
- Veredeln durch Grainieren


Einladung zum Beta-Test

Bevor das Drehbuch nun in das neue Seminar-Angebot umgesetzt werden konnte, mußten alle Arbeitschritte und Bearbeitungsprozesse penibel getestet werden, damit die künftigen Seminarteilnehmer auch eine garantiert funktionsfähige Uhr mit nach Hause nehmen können. Also wurden kurzfristig einige Betatester am 4. Advent in das Atelier in Seckenheim eingeladen, die alle Abläufe in der Praxis nachvollziehen mußten.

Innerhalb von zwei Tagen wurden unter den Argusaugen der Lottermann-Brüder und des Meisteruhrmachers Franz Wolff alle Unwägbarkeiten des Seminardrehbuches geprüft. Jeder Arbeitsschritt wurde sorgfältig fotografisch festgehalten und schriftlich dokumentiert.

Zum „Aufwärmen“ durften die Teilnehmer mal kurz ihre Molnja-Rohwerke demontieren, Detailverbesserungen am Grundwerk vornehmen und nach dem Zusammenbau den korrekten Gang prüfen. Das war in knapp zwanzig Minuten abgehandelt – die Übung aus dem Grundseminar war immer noch präsent.


 

Betatest im Lottermann-Atelier Eine illustre Runde in der alten Tabakscheune

Einmal keine Genfer Streifen!

Auch alle Vorbereitungen für die Werkefinissierung waren im Grundsatz nichts Neues, wenn auch ein gänzlich neues Verfahren zum Einsatz kam: Nach dem für die Teilnehmer eher langweiligen und schweißtreibenden Planschleifen der Brücken wurden die Messing-Oberflächen zunächst mit definierter Korngröße gestrahlt. Die somit unterschiedlich verdichtete Oberfläche ließ bereits die Rauheit traditioneller Grainierung erkennen.

Aber erst die elektrolytische Grund-Beschichtung ließ in ihrem silbrigen Schimmer die spätere Wirkung vorausahnen. Und tatsächlich: Nach der abschließenden Vergoldung von Grundplatine und Brücken stellte sich ein Aha-Erlebnis ein, das auch den sonst eher zurückhaltenden Franz Wolff zu wiederholten Bewunderungsäußerungen hinriß. Das neu entwickelte Veredelungsverfahren für die Finissierung im alten Stil ist nun serienreif.


 

Grainierte Werkbrücken nach dem Strahlen, Aufbringen einer Zwischenschicht und Vergoldung

 



Ein neues Kaliber entsteht

Nun ging es an den Werkumbau, an dessen Ende ein neues Kaliber seine Geburtsstunde feierte: Zunächst wurde auf der Grundplatine mittels Drehbank Platz für das zusätzliche Räderwerk geschaffen, dann wurden notwendige Bohrungen eingebracht und Zapfen als Lager für neue Zahnräder gedreht, eingeschlagen und mit der Feile feinbearbeitet.

Um keine neuen Zahnräder herstellen zu müssen, wurde auf vorhandene Rohlinge zurückgegriffen. Die Wälzmaschine half nun, diese Räder Hundertstel-genau auf den endgültigen und vorher berechneten Zahnkreis herunterzufräsen.


 

Neuer Rädersatz integriert in die Grundplatine auf der Zifferblattseite

 
Klicken Sie hier, um zur Galerie zu gelangen.



Regulator mit bewährten Komponenten

Das Einschalen in die hochwertigen Frickler-Stahlgehäuse, das Montieren des mattschwarzen Bethge-Zifferblattes und das Verschrauben einer optional kannellierten Lünette mit entspiegeltem Glas war eigentlich nur noch Routine, die allerdings die Uhrmacher nochmal zum Schwitzen brachte: einige Toleranzen in der Höhenluft der neu eingebauten Räder fordern für die Serie künftiger Fortsetzungsseminare noch eine geringfügige Modifizierung.


 

Werkumbau zum Regulator Frickler-Gehäuse, Bethge-Zifferblatt und entspiegeltes Glas




Fazit

Spät am Sonntagabend -- und insgesamt eher übermüdet -- traf sich das Betatestteam zur abschließenden Manöverkritik: Das neue Finnissierungsverfahren hat ohne Wenn und Aber die Feuertaufe bestanden. Der für typische Seminarteilnehmer doch umfangreiche Werkumbau mit dem Arbeiten an den ungewohnten Uhrmachermaschinen gab letztlich ebenfalls keinen Anlaß für Kritik im Seminarablauf. Lediglich ein paar Feintuning-Arbeiten in der Seminarvorbereitung bleiben für das Lottermann-Team übrig, bevor im Sommer die Kurspremiere stattfinden kann.

Das neue Seminar bei Lottermann & Söhne in Mannheim wird ein Erfolg, soviel kann man heute schon mit Sicherheit konstatieren. Für den Seminarpreis wird nicht nur ein neues Verfahren der Finissierung geboten, sondern der erhebliche mechanische Eingriff in das Grundwerk mittels der typischen Maschinenausstattung vermittelt einen unmittelbaren Einblick in die Produktions- und Fertigungstechnik der alten Uhrmacherschule.


 

Rückseite mit Vollgewindeschraubboden, gebläuten Schrauben und grainierten Brücken




Druckbare Version