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 WERK-FINISSIERUNG
Bericht
Fotos vom Seminar
Die Seminaruhr

SEMINAR IN MANNHEIM
 

Lottermann & Söhne –
die etwas anderen Söhne Mannheims

In Seckenheim entstehen Kleinode der Uhrmacherkunst und außergewöhnlich finnissierte Werke

Die „Söhne Mannheims“ verbreiten mit hohem Anspruch derzeit das musikalisch-kulturelle Erbe der wie die Quadrate einer Schokoladentafel angelegten Stadt zwischen Rhein und Neckar. Zwei andere Söhne Mannheims geben bislang den Ton nur für eine kleine Minderheit besonders anspruchsvoller Uhren- und Antiquitätenliebhaber an:

Der eine, Ralf Lottermann, kümmert sich als Tischlermeister liebevoll um das Aufarbeiten in die Jahre gekommener Möbel und zeigt gerne seine stattliche Thonet-Sammlung.

Der andere, Till Lottermann, zeigt sich als Meister seines Faches überall da, wo es tickt oder nicht mehr ganz richtig tickt. Selbst in St. Petersburg ist der staatlich geprüfte Restaurator gut bekannt, wurde er doch zum fachgerechten Restaurieren einiger historisch wertvoller Pendülen in die Zarenresidenz Peterhof gerufen.


 

Eine gute Adresse, wenn es um das Restaurieren von Möbeln und Uhren geht.

Tourbillons aus Mannheim

Die großzügig angelegten Werkstätten des Familienbetriebes Lottermann & Söhne im beschaulichen Mannheimer Vorort Seckenheim kommen auch am Samstag nachmittag nicht zur Ruhe, als wir in die oberen Etagen der ehemaligen Tabakscheune aufsteigen.

Wenn wir bei den Lottermanns aber vorwiegend Großuhren erwartet hatten, so wird unser Blick im aufgeräumten Uhrenatelier zunächst von einer schlichten Tischuhr angezogen, in der glasgeschützt ein veritabler Tourbillonkäfig seine Kreise zieht. Der Bau eines Tourbillons gilt seit dem Vordenker Abraham-Louis Breguet, der diese besondere Form der Hemmung vor rund zweihundert Jahren patentieren ließ, als die komplexeste Hemmungsart, und gilt seither für jeden Uhrmacher als Traum und Albtraum zugleich.


 

Tourbillon in einer Tischuhr in fliegender Ausführung

 

Unscheinbar daneben liegt der ganze Stolz von Till Lottermann, eine gerade fertiggestellte goldene Armbanduhr mit demselben komplexen und feingliedrigen Hemmungstyp. Dieses Tourbillon hat Till Lottermann hier oben – mit einem Zeitaufwand von mehr als 900 Stunden nur für die Tourbillon-Hemmung – entwickelt und Teil für Teil selbst gebaut. Meisteruhrmacher Franz Wolff werkelt zur Zeit an einem weiteren Armbanduhren-Tourbillon, das sogar gänzlich ohne Zulieferteile aus der Schweiz auskommen soll. Hatten wir nicht immer gedacht, daß ein Tourbillon ausschließlich aus Glashütte oder aus der Schweiz stammt, genauso wie hochwertigste Schokolade nur von dort kommen kann?

Wir müssen wohl umdenken, auch als wir die Rückseite dieser Armbanduhr durch die Uhrmacherlupe in Augenschein nehmen: säuberlich per Hand aufgebrachte Genfer Streifen strukturieren die tadellos vergoldeten Werkbrücken, und von Hand schwarz polierte und gebläute Schraubenköpfe erinnern uns an den eigentlichen Zweck unseres Besuches bei Lottermann & Söhne. Doch zunächst lädt Mutter Lottermann uns in den gemütlichen Innenhof zum leichten mediterranen Mittagessen ein, bei dem wir fünf Seminarteilnehmer in die Geheimnisse der Werkefinnisierung eingewiesen werden.


 

Tourbillon in goldenem Gehäuse mit Regulateur-Anzeige, individuell personalisiertes Zifferblatt

Prozeßoptimierung bei allen Finissierungsschritten

Lottermann & Söhne hat in den vergangenen Jahren Prozesse entwickelt und optmimiert, um Rohwerke optisch zu veredeln, so wie es auch die Glashütter und Schweizer Manufakturen seit jeher bei besonders wertvollen Zeitmessern tun.

Die einzelnen Arbeitschritte zum Aufbringen von Genfer Streifen, Perlagen und gebläuten Schraubenköpfen werden als Werksgeheimnisse gehütet. In Seckenheim dagegen scheut man sich nicht, in zweitägigen Seminaren kleine Gruppen von Uhrenliebhabern in dieser Kunst zu schulen.

An einem Wochenende sollen wir – das ist eine gemischte Gruppe aus Uhrmachern und Uhrensammlern – aus einem mausgrauen Rohwerk ein technisch und optisch herausragendes Kaliber zaubern, das selbst den Arm eines Schweizer Chocolatiers bei der Prämierung seiner Premiumprodukte ausnehmend gut kleiden würde.


Russisches Rohwerk als stabile Basis

Im Atelier händigt uns Till Lottermann je ein russisches Molnja-Werk zur Eingangsprüfung aus. Schon vor der nachfolgenden Remontage überrascht das optisch unscheinbare Rohwerk mit ausgezeichnetem Gangbild auf der Zeitwaage.

Sozusagen zum Händeaufwärmen muß jeder das Werk mit der Werkzeugausstattung „seines“ Uhrmachertisches in alle Einzelteile zerlegen und wieder zusammensetzen. Till Lottermann und Franz Wolff führen routiniert per Laptop und Beamer in den Aufbau des Werkes ein. Danach geht die Demontage bei diesem einfachen Dreizeigerwerk mit Handaufzug recht zügig vor sich, keiner der Gruppe verliert auch beim nachfolgenden Zusammenbau den Überblick über die rund 50 Einzelteile, und nach dem Anlaufen des Unruhreifens sind wir versichert, daß keines der winzigen Teile auf dem Tabak-Scheunenboden gesucht werden muß.

Die Begutachtung der Einzelteile rückt das Weltbild von russischen Feinmechanikprodukten gerade – auch unter dem Auge eines geschulten Technikers: Wir können keine Verarbeitungsmängel ausmachen, das Räderwerk ist gratlos gefertigt, und die Werkteile präsentieren sich nicht schlechter als bei den schon wiederholt von uns remontierten vergleichbaren Unitas-Werken des Schweizer Marktführers ETA.
Selbst das Rohwerk wird schon von einigen gebläuten Schrauben verziert, deren Qualität aber nicht an die extremen Ansprüche der Lottermanns herankommen kann. Da tut Abhilfe not.


 

Das Ausgangswerk ist ein bewährt zuverlässiges Molnja-Kaliber russischer Provinienz

Aufbringen von Genfer Streifen

Waren bis dahin Feinmotorik und Koordinationsgabe der Teilnehmer gefordert, so wird es jetzt eher körperlich anstrengend: per Hand werden mit grober Körnung nun die Werkbrücken akkurat plangeschliffen, die durch das rückwertige Deckglas der Uhr sichtbar sind.

An der aufgerüsteten Ständerbohrmaschine mit Kreuztisch senken die Kursteilnehmer den speziell dafür hergerichteten Schleifkopf auf die planen Brücken und bewegen das Werk gleichmäßig vorwärts. Nach Wiederholen dieses Vorganges entstehen die begehrten regelmäßigen Genfer Streifen auf der Werkrückseite.


 

Gefühl in den Fingern: Aufbringen von Genfer Streifen auf die Werkbrücken nach dem (mühevollen) Planschleifen

Alles Gold, was glänzt

Sorgfältig werden Grundplatine und Brücken gereinigt und unter den kritischen Augen von Ralf Lottermann vergoldet.

Nun kann es an den endgültigen Zusammenbau des Werkes gehen, es darf nur noch mit Handschuhen oder Fingerlingen gearbeitet werden, um die hauchdünne Goldschicht nicht mit Körperfett zu verschmutzen.


 

Platine und Werkbrücken werden elektrolytisch vergoldet. Auch dieser Prozeß wurde in langen Testreihen so vervollkommnet, daß der satte Goldglanz ohne Wolkenbildung entsteht.

Bläuen der Schrauben von Hand

Die Brücken werden nun mit den von Hand über der Flamme gebläuten und vorher auf Diamantpaste hochglanz-polierten Schraubenköpfen gehalten, die nun das einfallende Licht dunkelblau reflektieren und einen atemberaubend schönen Kontrast zum satten Gold der Brücken und Platine bilden.

Schon ohne Zuhilfenahme einer Lupe wird der Qualitätsunterschied zwischen den hier in alter Technik überarbeiteten Schraubenköpfen und den irgendwie blauen Originalschrauben sichtbar.


 

Bläuen der Brückenschrauben nach dem Schwarz-Polieren: Eigentlich ganz einfach, aber der Teufel steckt im Detail

Nur beste Zutaten

Standesgemäß eingeschalt in ein perfekt verarbeitetes mehrteiliges Stahlgehäuse des renommierten Pforzheimer Herstellers Fricker – bei dem auch Chronoswiss, Dornblüth, Rainer Brand und die Frankfurter Spezialitäten-Manufaktur Sinn einkaufen – abgedeckt mit entspiegeltem Deckglas, unter dem jetzt das versilberte und individuell bedrucktem Zifferblatt vom Spezialisten Bethge, Ispringen, glänzt, ist hier in zwei Tagen ein Gesamtkunstwerk höchster Uhrmacherqualität entstanden.

Und das Gangbild an der Zeitwaage beweist, daß die beste Schokolade nicht immer aus der Schweiz kommen muß.


 

Das fertige Werk mit versilbertem personalisiertem Zifferblatt, kannelierter Lünette, entspiegelndem Glas und gebläuten Stahlzeigern. Ein Gedicht alleine von vorne, aber von hinten erst ...

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