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Diaphane One – das Aschenputtel?
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Da bringt ein überaus bekannter Schweizer Uhrenhersteller ein innovatives Produkt auf den explodierenden Markt mechanischer Uhren, das in der Fachpresse bei weitem nicht auf die Resonanz stößt, die ihm eigentlich zusteht. Vielleicht liegt es daran, dass gerade dieser Hersteller mit seiner Diaphane One genannten Uhr preislich weit jenseits seiner ureigenen Kollektion liegt, und man ihm nicht zutraut, auch einmal eine richtige mechanische Uhr zu bauen. Es handelt sich um die Marke Swatch, die die Gunst der Stunde nutzte, um genau 200 Jahre nach Patentierung des Tourbillons durch Abraham-Louis Breguet ein Werk völlig neu zu entwickeln, das durch seine besondere – und ebenfalls patentierte – Konstruktion ähnlich gangstabilisierende Merkmale aufweist, wie eben dieses Tourbillon.
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Limitiertes Plastik
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Um die Innovation dieser Entwicklung zu unterstreichen und den Anspruch von Swatch auf die eigene Kompetenz zu untermauern, hat man die Diaphane One (diaphan = griech. durchscheinend) genannte Uhr auf eine Kleinauflage von 2.222 Stück limitiert. Swatch folgt mit dieser Maßnahme dem Gebaren anderer Manufakturen in der Branche, die durch künstliche Verknappung zum Teil exorbitante Marktpreise erzielen.
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Da steht man nun in einem der typischen bunten omnipräsenten Swatchläden inmitten der Kids, die dort eine der in der Schulklasse angesagten modischen 60-Euro-Uhren abgreifen, und bittet das Girl hinter dem Tresen, einmal die Diaphane One am Handgelenk sehen zu dürfen. Mit großen Augen entschwindet sie, um den Geschäftsführer zu holen, der dann ein bisschen verschämt im Ambiente des Billiguhrenladens eine wertig-große Lederschachtel, die mit ihren polierten Stahlemblemen einem Diamantcollier bei Tiffany gut zu Gesicht stünde, auf das verkratzte Vitrinenglas legt. Genau 3.333 Euro glitzern da durch das gläserne Guckfenster in der Mitte des gepolsterten Deckels auf.
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Maschinell, aber mit Liebe
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Dem Uhrenliebhaber fallen sofort die Brücken des ungewöhnlich filigranen Skelettkalibers mit ihren Perlschliffen ins Auge, unter denen in elegantem Halbkreis die in Reihe angeordneten miniaturisierten Triebe des Räderwerkes kreisen. Verharrt man neugierig noch ein paar Augenblicke in der Betrachtung des für eine Swatch außergewöhnlichen Anblickes, so realisiert man plötzlich, dass der gesamte sichtbare Teil des Werkes langsam um die Zeigerachse rotiert, ein Karussel aus Unruh, Brücken und Rädern. Selbst der kleine Sekundenzeiger auf seiner Insel mit der Miniaturskala folgt dem Reigen innerhalb des polierten leicht nach außen ansteigenden Rehauts, der Innenglaslünette, in die die Stundenmarkierungen eingeprägt sind.
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Das 30-Minuten-Tourbillon
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Zweimal pro Stunde dreht sich der gesamte dem Aufzugmechanismus nachgeschaltete Teil des Uhrwerkes (>Animation). Tourbillongleich werden dadurch unvermeidbare Unwuchten des Hemmungsmechanismus und der Unruh ausgeglichen zugunsten einer gesteigerten Ganggenauigkeit. Eventuelle und physikalisch nicht zu verhindernde Isochronismus-Fehler werden dazu noch durch drei aufwendig hintereinandergeschaltete Federhäuser kompensiert, die eine gleichmäßige Federspannung – und zudem eine höhere Gangreserve – gewährleisten. Beim Aufziehen notiert man wohlwollend das satte Klicken des Mechanismus, der die Federn spannt, die – wie sonst nur von Automatikwerken gewohnt – mit ihrem Ende nicht fest im Federhaus verankert sind, sondern an dessen Wandung vorbeigleiten, um ein Überspannen der Federn zuverlässig zu verhindern. Dieses feinmechanische Meisterwerk soll eine Swatch sein?
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Viel Technik fürs Geld
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Nicht, dass wir den Swatchentwicklern die Kompetenz bei mechanischen Kalibern abstreiten – schließlich blickt der Fertigungstechniker geradezu entzückt auf die perfekt konstruierten und effizient zu produzierenden Mechanik-Werke der Irony-Klasse von Swatch, die in ihrer emotionslosen Technik den Maschinenbauer geradezu faszinieren. Besseres bekommt man für 120 Euro nirgendwo geboten. Doch die Diaphane One kommt aus anderem Stall. Hier spürt man die innovative Kompetenz der Swatch Group, in der in enger Symbiose zwischen den Fertigungsprofis der Swatchmacher und den Manufakturwerkedesignern der Konzernschwestern vom Range Breguets oder Blancpain solche Meisterwerke entstehen können.
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Vor diesem Hintergrund erscheint die Diaphane One im lauten Swatchgeschäft deplaziert, man beginnt die Tasse Kaffee und den ruhigen Überzeugungston im Hinterzimmer eines namhaften Juweliergeschäftes zu vermissen, wo dem Kunden mit dem 50.000 Euro schweren Portemonaie goldene Meisterstücke aus Schweizer Manufakturen oder Tourbillons aus Glashütte vorgelegt werden. Diese Swatch ist für das Gebotene zu billig, der Hersteller zollt seinem wenig prestigeträchtigen Namen Tribut und verkauft eine der wenigen Innovationen dieses und des letzten Jahrhunderts unter Preis. Auch wenn sich das Werk der Diaphane One konstruktiv vom klassischen Minuten-Tourbillon unterscheidet, so wurde hier doch mit hohem technologischen Aufwand etwas im Gangresultat Vergleichbares geschaffen. Gleichzeitig ist man durch diese neuartige Konstruktion dem Konflikt mit anderen Manufakturen aus der Swatch Group geschickt ausgewichen, die ihre echten Tourbillons in ganz anderen Preislagen anbieten. Das Jubiläums-Tourbillon von Breguet mit einem Verkaufspreis von über 100.000 Euro ist nur eines der typischen Beispiele.
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Abgesehen vom Preis musste Swatch die Distanz auch auf anderen Ebenen wahren. So passt das aluminiumverstärkte Plastikgehäuse der Diaphane One trefflich zur Philosophie des Unternehmens, und das unangemessen billige quietschgelbe Krokoimitat verschleiert gekonnt jeden Hinweis auf die anspruchsvolle Tourbillonmechanik.
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Dreht man allerdings die angenehm schwere und mit 42 mm Durchmesser bei 13 mm Höhe üppig dimensionierte Uhr um, so wird der Blick auf einen sorgsam achtfach verschraubten Boden gelenkt. Da wirkt nichts mehr billig. Durch das eingelassene Saphirglas leuchten die goldfarbenen Federhausböden und die polierten Teile der Aufzugsmechanik aus der skelettierten Platine heraus, deren Oberfläche mit goldausgeschwemmten Gravuren verziert ist. Der Eindruck des filigranen Werkes von der Vorderseite wird hier konsequent durch die Leichtigkeit der rückseitigen Konstruktion fortgeführt. Das wirkt alles sehr schön und wie mit Liebe gemacht, selbst wenn die anglierten und fein per Hand finissierten Brücken und Kloben teurer Manufakturwerke hier ganz offensichtlich nicht Pate gestanden haben.
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Welche Zielgruppe?
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Die Zielgruppe für dieses High-Tech-Produkt zu definieren fällt schwer. Der typische Swatch-Käufer gehört sicherlich nicht dazu. Andererseits erhält der betuchte Uhrenfreund für den geforderten Preis anderswo Zeitmesser in tadellos konservativer Ausführung, wie beispielsweise eine Glashütte Original Senator Karree, eine klassische Rainer Brand Carcassonne oder sogar die neue Omega Deville mit innovativer Koaxialhemmung. In dieser Klasse wird eine Vielzahl von Uhren geboten, die hervorragend zum Nadelstreifen in der Vorstandsetage passen und beim Key-Account-Kunden den Träger als seriösen Verhandlungs-Partner ausweisen.
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Es ist und bleibt eine Swatch
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Der Diaphane One sieht dagegen jedermann schon aus der Entfernung ihre Herkunft aus dem Swatchladen an, ob er nun mehr oder weniger von Uhren versteht. Keine gute Basis für Geschäfte beim Business-Lunch, bei dem wir selbst einer flippigen Alain Silberstein bessere Chancen einräumen würden. Der standhafte Uhrenliebhaber wird jedenfalls permanent in Erklärungsnotstand geraten, selbst wenn er diese Swatch nur privat ausführen sollte.
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Die Diaphane One ist eine fantastisch innovative Uhr, die ihre Herkunft bewusst nicht verleugnen will und damit besonders charakterfeste Interessenten anspricht. Die werden allerdings für ihr Stehvermögen bei jedem Blick auf die Rückseite belohnt – durch das versöhnliche Glitzern des dort bei der Zwölf eingelassenen Brillanten. Diese Uhr besticht durch verborgene Qualitäten. Typisch Aschenputtel eben.
Text: Ulrich Thiele
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